Über den Ort
Skulptur-Mann
– Halt, hinlegen, laufen, fallen, schwimmen, reiten, kriechen, klettern!
Skulptur-Frau:
– Du bist zu streng mit unserem Kleinen, Antanas. Außerdem ist Sommer, Ferienzeit.
Skulptur-Mann:
– Frau, siehst du die Wurzel unter unseren Füßen? Warum ist sie hier? Kinder müssen spartanisch erzogen werden, damit sie das Land ihrer Eltern nicht vergessen, nichts fürchten, uns im Alter vor Feinden und Unglück schützen und uns ein Glas Wasser reichen.
Skulptur-Frau:
– Antanėlis, vielleicht sollten wir Petriukas lieber fragen, was er selbst will. Gefällt ihm springen, laufen, fallen …? Vielleicht möchte er singen, zeichnen und Gedichte schreiben. Ein Kind darf man doch nicht so streng erziehen. Die Zeiten sind anders. Am Ende nimmt man uns noch das Kind weg, wenn es in der Schule erzählt, wie hart es seine Ferien verbracht hat.
Skulptur-Mann:
– Er hat Ohren – soll er hören. Er hat Augen – soll er sehen. Er hat einen Kopf – soll er denken. Eine gemeinsame Wurzel verbindet uns. Meinst du wirklich, Mutter, dass unser eigenes Fleisch und Blut uns verraten wird?
Skulptur-Frau:
– Ich denke nicht schlecht, Antanas, aber dass ein Kind in den Ferien Freiheit spüren möchte, das verstehe ich noch.
Skulptur-Mann:
– Vielleicht hast du wirklich recht, dass ich nichts mehr höre. Ich höre nicht, was unser Kind will, wie die Vögel singen und was die Menschen im Vorübergehen reden. Wo sind meine Ohren? Warum höre ich nur meine innere Stimme, mein eigenes Brummen? Wo sind meine Ohren?
Skulptur-Frau:
– Antanas, gerate nicht in Panik. Beruhige dich und hör zu. Wenn du gut zuhörst, wachsen dir die Ohren aus unserer gemeinsamen Wurzel wieder nach, auf der wir drei leben. Schließe die Augen und hör, was das Blut sagt, das durch unsere Adern fließt, wie die unterirdischen Flüsse rauschen und was der vorbeiziehende Wind flüstert. Hör zu, dann wirst du zwischen den anderen Stimmen auch dein Kind hören. Und du brauchst nicht mehr zu schreien – Halt, hinlegen, laufen. Alles wird von selbst aus unserer gemeinsamen Wurzel wachsen und gedeihen. Verstehst du, Antanėlis?
Skulptur-Mann:
– Ich verstehe es nicht. Aber ich möchte, dass es so ist, wie du sagst. Ich schweige und warte, bis meine Ohren nachwachsen. Und du, Mutter, hör auch hin, denn deine Ohren sieht man ebenfalls kaum.