Über den Ort
Passantin:
– Du siehst merkwürdig aus, Zentaur – ein großer roter Kopf und ein kleiner grauer Körper. Offenbar wollte der Bildhauer dich besonders klug darstellen, wie Buddhisten sagen würden: einen erleuchteten Zentauren.
Skulptur:
– Das ist mein zweiter Kopf. Den ersten stahl man einen Monat nach meiner Aufstellung. Er war anders: ein zierliches Köpfchen auf einem Metallstab. Doch spät am Abend kam ein Dieb, sägte den Stab durch und nahm meinen Kopf mit.
Passantin:
– Und wie kam der neue Kopf auf deine Schultern? Ist er etwa von selbst nachgewachsen wie bei einem neunköpfigen Drachen?
Skulptur:
– Lange stand ich ohne Kopf. Kleine Vögel setzten sich gern auf meinen Hals und erzählten mir ihre Sorgen, doch weil ich weder Ohren noch Augen noch Mund hatte, konnte ich ihnen nicht antworten. Nach dreißig Jahren setzte mir der Bildhauer Algirdas Bosas einen neuen Kopf auf. Siehst du, wie rot er ist? Er fand nur diesen Stein, der von der Skulptur „Liegende Frau“ übrig geblieben war, also meißelte er daraus. Farblich ist der Kopf für sich und der Körper für sich. Aber schön ist es doch, oder?
Passantin:
– Wie soll ich sagen … über Geschmack lässt sich nicht streiten.